Ina Boesch
arbeitet seit 1973 als Journalistin.
Sie lernte ihr Handwerk bei Lokalzeitungen, Zeitschriften und Schweizer Radio
DRS, wo sie 1984 fest angestellt wurde.
Neben ihrer Tätigkeit als Radiojournalistin schrieb sie Reportagen in:
NZZ (Wochenendbeilage), WoZ, TA, BaZ, Bund, Passagen etc.
Sie publiziert zu Sachthemen (I) und rezensiert Sachbücher (II).
I Publikationen
(eine Auswahl, ohne Printmedien)
Unterwegs: Flüchtig und flexibel
Vortrag, gehalten am Samstag, 1. Mai 2010, an der Kulturlandsgemeinde 2010 im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen
Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass der eine oder die andere unter Ihnen von Nomaden abstammt. Ich stelle mir vor, wie Sie nun vor dem geistigen Auge Ihren Stammbaum durchgehen, wie Sie sich fragen, ob einer Ihrer Urahnen ein Verhältnis mit einer Mongolin hatte oder ob die schwarzen Augen in Ihrer Familie vielleicht doch, wie manche behaupten, auf jenen Roma aus Bulgarien zurückgehen. Doch Sie brauchen gar nicht so weit zu suchen: Schauen Sie aus dem Fenster oder erinnern Sie sich an die für diese Gegend so typischen naiven Malereien von appenzellischen Sennen. Tatsächlich, es gab eine Zeit, da bevölkerten Nomaden – besser gesagt: Halbnomaden – das Appenzell. Im 17. und 18. Jahrhundert arbeiteten Sennen, die Vieh besassen, aber keinen Boden, eng mit Bauern zusammen, die Boden besassen, aber kein oder kaum Vieh. Drei Mal im Jahr zogen die Sennen, also die appenzellischen Nomaden, mit ihrer Herde zu den so genannten Heubauern. Im Herbst für das Abweiden des Emds, im Winter für die Verfütterung des Heus, im Frühling für den ersten Weidegang. Im Gegenzug für dieses Weide- und Futterrecht erhielten die Bauern unter anderem den Kuhdung als Dünger. Es handelte sich also um ein ausgeklügeltes System von Geben und Nehmen zwischen Sesshaften und Nomaden.
Wer weiss, vielleicht gehört tatsächlich einer jener Sennen oder ein ganz anderer Nomade in Ihre Ahnengalerie. Das Thema der kleinen Kulturlandsgemeinde sollte Ihnen also vertraut sein. Sicher aber werden Sie damit häufig konfrontiert. Der Nomade steht nämlich für ein Phänomen, das Sie alle kennen: für die freiwillige oder erzwungene Ortsveränderung. In der jüngeren Geschichte trägt der Nomade viele Namen: Ausländer, Fremdarbeiter, Tourist, Flüchtling, Grenzgänger, Immigrant oder Wanderarbeiter, um nur einige zu nennen.
Über drei Typen von Nomaden will ich die nächsten fünfundvierzig Minuten reden: über den Flüchtling, den Migranten und den modernen Nomaden. Nun werden Sie einwenden, dass man diese drei Figuren nicht in einem Atemzug nennen kann, dass es einen Unterschied macht, ob man wie der Flüchtling gezwungenermassen unterwegs ist oder wie der Migrant und der moderne Nomade mehr oder minder freiwillig. Und Sie werden sich fragen, was denn die drei Typen gemein haben – ausser, dass man sie unter dem Begriff Nomaden zusammenfassen kann.
Mehr dazu in der Zeitschrift „Obacht Kultur“
Reformatio. Zeitschrift für Kultur Politik Religion. Dezember 2007 Ina Boesch: Besuch bei Dubravka Ugresic
Itinerant images. Ein Erfahrungsbericht des Kulturaustauschprojekts von Pro Helvetia und Ecole Cantonale d’Art du Valais, Sierre 2005.
www.itinerant-images.ch
Die nonkonformistische Vorkämpferin aus der Schweiz: Margarethe Hardegger
und das Frauenstimmrecht. In: Über Grenzen hinweg. Zur Geschichte der
Frauenstimmrechts-bewegung und zur Problematik der transnationalen Beziehungen
in der deutschen Frauenbewegung. Berlin 2007.
Als Pionierin eine Provokation. Die Sozialistin Margarethe Hardegger. In:
Olympe. Heft 20. Zürich 2004.
Europorträt Ryszard Kapuscinski.
(Ausschnitte aus der Radiosendung vom 30.11.1990), zitiert in: Ryszard Kapuscinski: Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies. Reportagen, Essays, Interviews aus vierzig Jahren. Frankfurt am Main 2000.
Entgrenzung. Gedanken zu einer transnationalen Literatur. In: Küsse und eilige Rosen. Die fremdsprachige Schweizer Literatur. Ein Lesebuch, herausgegeben von Chudi Bürgi, Anita Müller und Christine Tresch. Limmat Verlag. Zürich 1998.
Traduire, c’est aussi se documenter. Entretien avec Peter Schwaar. In: L’écrivain et son traducteur en Suisse et en Europe. Editions Zoe. Genf 1998.
Das pazifische Lachen. Nachwort zu: „Rückkehr durch die Hintertür“ von Epeli Hau’ofa. Unionsverlag. Zürich 1998. (mit Übersetzungen u.a. von Ina Boesch).
Reisen Frauen anders? Variationen über Miss Liberty. In: Herrliche Aussichten! Frauen im Tourismus, herausgegeben von Karin Grütter und Christine Plüss. Rotpunktverlag. Zürich 1996.
II Rezensionen
(aktuell)
Plädoyer für den Dialog
Seit der Wiedereröffnung des Neuen Museums Berlin pilgern täglich Hunderte von Touristen zur Museumsinsel − um sich an der Büste der Nofretete zu weiden oder eine Meisterleistung zeitgenössischer Architektur zu betrachten. Der Starsoziologe Richard Sennett hat es eher mit der Architektur als mit der ägyptischen Kunst. In seinem neuen Buch „Zusammenarbeit“ widmet er viele Seiten dem Architekten David Chipperfield und dessen gelungenem Neu– und Umbau des Neuen Museums, das nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg während Jahrzehnten in Trümmern lag. Nach der Wiedervereinigung stellte sich die Frage, ob es in alter Pracht wieder hergestellt oder ob es abgerissen und einem Neubau weichen sollte oder ob es gar eine dritte Option gab, die vom Trauma dieses Gebäudes erzählte. Chipperfield entschied sich für letzteres, für eine glanzvolle Mischung aus Neu und Alt. Dieses Beispiel aus der Architektur ist eines von vielen, das Sennett in seinem Buch anführt, um − wie bereits in „Der flexible Mensch“ oder „Respekt“ oder „Handwerk“ − Antworten auf seine Schlüsselfrage zu finden: Wie können Menschen, die sich sozial, ethnisch oder in ihrer Weltanschauung unterscheiden, in einer von Ungleichheit, Konkurrenz und Gegensätzen geprägten Gesellschaft zusammenleben und –arbeiten.
Letzte Gedanken
Die Nächte waren am schlimmsten. Tagsüber konnte er zumindest jemanden bitten, einen Arm oder ein Bein in eine andere Position zu bringen, doch nachts lag er „reglos wie eine moderne Mumie“. Der britische Historiker Tony Judt litt an der tödlichen Krankheit ALS, einer neuromuskulären Störung, bei der alle Muskeln allmählich ihren Dienst versagen. Er spürte, charakteristisch für die Krankheit, keine Schmerzen und behielt die Wahrnehmungsfähigkeit bei. Während der zwei Jahre, in denen er zuerst einen, zwei Finger nicht mehr bewegen konnte, dann ein Bein und schliesslich alle Gliedmassen, fand er zunehmend Trost in den eigenen Gedanken. Und als er eine Technik fand, um seine Gedanken und Erinnerungen zu ordnen, wurden auch die Nächte lichter.
Überleben in einer belagerten Stadt
Wenn sie Hunger hatten und der Strom nicht unterbrochen war, schoben sie eine DVD ins Abspielgerät und schauten sich ein Video von einem Festmahl an: Auf dem Tisch türmten sich Lammbraten, Fleischspiesschen, gefüllte Pilze, Feta, Süssspeisen wie Baklava und andere Köstlichkeiten. Ekrem Kaljanac hatte den Film am ersten Geburtstag seines Sohnes aufgenommen, kurz danach begann die Belagerung von Sarajevo.
So schön wie egozentrisch
Die Dietrich und die Riefenstahl – kaum jemand käme in den Sinn, die beiden Diven in einem Atemzug zu nennen. Politisch hatten sie das Heu nicht auf derselben Bühne, paktierte doch die Filmregisseurin Leni Riefenstahl mit den Nationalsozialisten, die Filmschauspielerin Marlene Dietrich hingegen mit den Amerikanern. Auch privat kreuzten sich ihre Wege kaum, ausser dass sie zu Anfang ihrer Karriere im gleichen Berliner Boxstudio trainierten. Und von gegenseitigem Respekt kann keine Rede sein, im Gegenteil verabscheuten sich die beiden von Herzen. Insbesondere Marlene verhehlte nie, was sie von der Leni hielt: Sie sei eine Lügnerin, eine „glühende Narzisse “. Nun führt die Berliner Autorin Karin Wieland, die vor einigen Jahren mit ihrer Biografie über Mussolinis Geliebte Margherita Sarfatti bekannt geworden ist, die beiden so unterschiedlichen Ikonen des 20. Jahrhunderts in einer Doppelbiografie zusammen und findet über das Geburtsdatum und den Geburtsort hinaus (1901 respektive 1902 in Berlin geboren) so manche Parallelen.
Die Natur existiert nicht
Am 30. April 1908 um sieben Uhr morgens geriet die Welt in Ostsibirien für einen Moment aus den Fugen: Plötzlich stand der Himmel in Flammen, eine riesige Feuerkugel steuerte auf die Erde zu, und Blitze tauchten alles, was sich in der Region des Flusses Tunguska befand, in grelles Licht. Dann wurde es dunkel, und gewaltige mehrere Minuten dauernde Explosionen, die von Sensoren in aller Welt registriert wurden, liessen Nomaden und Tiere durch die Luft schleudern und im Handelsstützpunkt Wanawara Türen und Fenster splittern. Eine enorme Hitze- und Druckwelle rollte über die fast menschenleere Steppe und knickte 60 Millionen Bäume auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern wie Streichhölzer um. Später ging über der Region schwarzer Regen nieder. Die Ursache des so genannten Tunguska-Ereignisses ist bis heute nicht geklärt. Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler das Rätsel zu lösen, so auch die vier Hauptpersonen in Michael Hampes philosophischem Buch über die Natur.
Die Schatten der Vergangenheit
Es regnet Bindfäden. Die Herbstkälte kriecht erbarmungslos zwischen Haut und Kleider, und bei jedem Schritt gluckst das Wasser in den Schuhen. Das Wetter passt zum Ort. Vielleicht fast zu gut. Wir suchen Schutz unter den Regenschirmen und konzentrieren uns auf die Kommentare des jugendlichen Führers zu den mächtigen Gebäuden im Norden von Buenos Aires: In der Technikschule der Marine, kurz ESMA genannt, wurden während der Militärdiktatur von 1976-1983 rund fünftausend Menschen inhaftiert und systematisch gefoltert. Nur zweihundert haben überlebt. Auf unserer vierstündigen Tour durch das ehemalige Folterzentrum, in der lediglich die nackten Räume, jedoch keine Gegenstände vom Staatsterror erzählen, kreuzen vier Männer und eine Frau unseren Weg. Sie folgen mit ernsten Mienen einer weiblichen Guía durchs riesige Areal. Es sind argentinische Schriftsteller, die auf Einladung eines Verlags die Erinnerungsstätte besuchen. Sie gehören zur mittleren Generation der argentinischen Literaturszene, und wie bei vielen Argentiniern ist ihre Biografie mit der Geschichte der Militärdiktatur auf die eine oder andere Weise verbunden: Martìn Kohan beispielsweise wuchs einige hundert Meter von der ESMA entfernt auf; Martìn Caparrós wollte in den Siebzigerjahren die Welt verändern, wenn nötig mit Gewalt.
Sophie Scholl – voller Widersprüche

Barbara Beuys: Sophie Scholl. Biografie. Carl Hanser Verlag. München 2010.
Am 18. Februar 1943 kurz vor elf Uhr vormittags nimmt Sophie Scholl einen Stapel Flugblätter und wirft ihn kurzerhand vom zweiten Stock der Münchner Universität in den Lichthof. Zufälligerweise sieht der Hausschlosser, wie die Blätter mit dem Aufruf zum Widerstand gegen Hitler nach unten segeln und eilt nach oben, wo Hans Scholl gerade die restlichen Flugblätter über die marmorne Brüstung schleudert. Dann geht alles sehr schnell. Die Geschwister werden verhaftet, angeklagt, verurteilt und noch am Tag der Verurteilung hingerichtet. Jahre später wurde entdeckt, dass Sophie auf die Rückseite ihrer Akte das Wort „Freiheit“ geschrieben hatte. Da war sie bereits eine Ikone der deutschen Geschichte. Die meisten Autorinnen, Biografen und Filmemacher konzentrierten sich in den zahlreichen Werken über die deutsche Widerstandskämpferin auf deren letzten dramatischen Tage. Im Gegensatz dazu nimmt die Biografin Barbara Beuys die ganze Lebensspanne in den Blick: das humanistischen Idealen verpflichtete Elternhaus; die Beziehungen zu Freunden und Geschwistern, die Lektüren und Freizeitbeschäftigungen der Heranwachsenden; der Aufstieg vom einfachen Mitglied des Bundes deutscher Mädchen zur Scharführerin; die Ausbildung zur Kindergärtnerin, das Studium der Philosophie; schliesslich die Abwendung von der Hitlerjugend und das Engagement in der Widerstandsgruppe „Die Weisse Rose“. Erst im letzten Fünftel des Buches geht es um die Zeit zwischen dem Sommer 1942, als die ersten Flugblätter der Gruppe auftauchten, und dem tragischen Ende im Februar 1943. Für diese „erste umfassende Biografie“ über Sophie Scholl konnte Beuys erstmals den Nachlass der Familie im Münchner Institut für Zeitgeschichte einsehen. […]
Lärm entsteht im Kopf
Sieglinde Geisel: Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach der Stille. Galiani Berlin.
Jeder hat seine persönliche Geschichte mit dem Lärm: Für den einen ist das Ticken eines Weckers unerträglich, für die andere das Feilen von Nägeln. Und während ein tosender Wasserfall einem Gast im Berghotel den Schlaf rauben kann, entspannt sich seine Partnerin erst bei diesem Geräusch. Nichts ist individueller als die Empfindung von Lärm. Qualitativ reicht die Skala von nicht wahrnehmen oder nicht wahrnehmen wollen bis hin zu absolut besessen sein. So wird beispielsweise die allgegenwärtige Hintergrundmusik – ursprünglich als Mittel zur Leistungssteigerung in New Yorker Fabrikhallen konzipiert – von den einen gar nicht bemerkt, während sie für andere schlicht eine „akustische Freiheitsberaubung“ (Güünter Anders) darstellt. Ob ein Geräusch als Lärm und damit als Störung empfunden wird, hängt von der inneren Einstellung zur Quelle des Lärms ab, schreibt die NZZ-Mitarbeiterin Sieglinde Geisel in ihrer Lärmgeschichte. Betätigt der Nachbar, den ich nicht mag, den Laubbläser, treibt mich der heulende Motor in den Wahnsinn, ist es hingegen die Nachbarin, die mir sympathisch ist, kann ich (beinahe) den Nutzen des eigentlich nervtötenden Geräts entdecken. […]
„Der Urwalddoktor – Held und beliebte Identifikationsfigur“
Nils Ole Oermann: Albert Schweitzer. 1875-1965. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2009. 367 S., Fr. 42.90.
Als Albert Schweitzer 1949 erstmals amerikanischen Boden betrat, zwei Jahre nachdem ihn das Magazin Life zum „Greatest Man in the World“ gekürt hatte, empfingen ihn die Medienvertreter begeistert. Er selbst stand den vor ihm knienden Fotografen gegenüber wie ein „nachsichtiger Grossvater, der mit den Kindern ein ihm unbekanntes Spiel spielt“, berichtete die New York Times. Ähnlich wohlwollend verhielt er sich in Afrika gegenüber den „Naturkindern“, wie er die Afrikaner nannte. Albert Schweitzer sei der geborene Medienstar gewesen, schreibt der Biograf Nils Ole Oermann, äusserst talentiert in seiner Selbstinszenierung als schlichter und uneitler Urwalddoktor, begnadet in der Vermarktung seines Krankenhauses in Lambarene – nicht so sehr der Institution an sich, sondern des Krankenhauses als Ausdruck seiner Lebens- und Weltanschauung: der Ehrfurcht vor dem Leben. Das Publikum lechzte nach einer solchen Identifikationsfigur, und sein aufopfernder Habitus, seine edle Gesinnung, sein einmaliges Werk in Gabon eigneten sich hervorragend als Projektionsfläche für die Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Orientierung verloren hatten. Er verkörperte den Helden schlechthin.
Soldaten als Sündenböcke
Philip Gourevitch und Errol Morris: Die Geschichte von Abu Ghraib. Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl. Hanser Verlag 2009. 301 S., Fr. 38.90.
Eine Pyramide nackter Männer, davor grinsende US-Soldaten. Ein Mann wie ein Hund an der Leine, daneben eine posierende Soldatin. Ein toter Iraker, flankiert von einer Soldatin in Siegespose. Als vor fünf Jahren die Fotografien von Abu Ghraib um die Welt gingen, war das Entsetzen gross. Die Bilder, welche amerikanische Soldaten von irakischen Gefangenen und ihren Wärtern aufgenommen hatten, waren Orgien der Gewalt. Sie zeigten Häftlinge in erniedrigenden Positionen und bewiesen Folter und Missbrauch durch die USA. Heute wird in Amerika erneut über die Veröffentlichung von weiteren Fotos aus dem Folter-Gefängnis debattiert. Nachdem Barack Obama anfänglich die Publikation befürwortet hatte, machte er kürzlich einen Rückzieher und stiess dabei auf viel Unverständnis.
Der Bub, das Maitschi, das Ding
Marco Leuenberger und Loretta Seglias (Hg.): Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder erzählen. Rotpunkt Verlag 2008. 320 S., 38 Franken.
Franz Hohlers Grossvater mütterlicherseits war ein Verdingbub. Ein Knabe also, der verwaist war oder unehelich geboren oder aus einem mausarmen kinderreichen Haushalt stammte und deshalb bei einer fremden Familie untergebracht wurde, wo er zwar Kost und Logis erhielt, doch meist unter misslichen Bedingungen arbeiten musste. Trotz der miserablen Startbedingungen hatte es Hohlers Grossvater später zu etwas gebracht. Er absolvierte das Technikum, heiratete, hatte vier Kinder und beschloss mit einundvierzig Jahren, sich ein Cello bauen zu lassen und darauf zu spielen. So weit so gut, doch eines hatte er nicht bedacht: Seine Finger waren zu klein für die Griffe, weshalb er nach nur zwei, drei Stunden Unterricht von seinem Traum Abschied nehmen und das Instrument in eine Ecke stellen musste ? bis sein Enkel Franz, der grosse Finger hat, das Cello übernahm.
Diese anrührende Geschichte erzählt der Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler im Epilog von „Versorgt und vergessen“, einer Sammlung von Kurzporträts ehemaliger Verdingkinder und Reflexionen zum Thema. Autorinnen und Autoren des Bandes sind Historikerinnen und Soziologen der Universität Basel, die im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojektes Gespräche mit über zweihundertsiebzig einst verdingten Männern und Frauen geführt hatten.
Muse und perfekte Künstlergattin
Manfred Flügge: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger. Biographie. Aufbau-Verlag. Berlin 2008. 422 S., 47.60 Fr.
Sie war schün, sportlich und stoisch: Marta Feuchtwanger war die perfekte Partnerin für Lion, den schüchternen Schriftsteller, besessenen Liebhaber und Spieler. Während mehr als vierzig Jahren versah sie gleichzeitig gelassen als auch enthusiastisch ihre Rolle als Ehefrau, Hausfrau und Begleiterin eines schwierigen Kompagnons, die ihm ab den Dreissigerjahren an den verschiedenen Stationen ihres Exils eine „Heimat“ bot. Nicht nur ihm, sondern unzähligen Exilierten wie den Manns, Brechts oder Marcuses. Ihre Einladungen in Sanary-sur-Mer oder Los Angeles waren legendär, und ihre exotische Erscheinung trug das Ihre dazu bei, um Lions Stellung in der Öffentlichkeit aufzuwerten. Eine klassische Beziehung zwischen einem Künstler und seiner Muse, möchte man sagen.
Exzentrisches Frauenpaar
Janet Malcolm: Zwei Leben: Gertrude und Alice. Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte. Suhrkamp Verlag 2008. 166 S., 35.90 Fr.
Janet Malcolm gehört zu den Autorinnen, die einen nicht kühl lassen. Entweder man mag oder man meidet sie. Die New Yorker Publizistin ist berühmt für ihre unverblümte Art, jedoch nicht angreifbar. Messerscharf ihr Verstand, brillant ihr Stil, überraschend ihre Einsichten, schont sie weder sich selbst noch ihre Protagonisten. Darüber hinaus recherchiert sie seriös. So verwundert es nicht, dass ein amerikanischer Psychoanalytiker, der Malcolm und die Zeitschrift „The New Yorker“ wegen Falschaussage auf zehn Millionen Dollar Schadenersatz verklagte, den Prozess schliesslich verlor. Mit der Psychoanalyse hat sie sich in verschiedenen Büchern auseinandergesetzt und deren Exponenten auf die Couch gelegt, ein Buch widmete sie dem Journalismus und einem spektakulären Medienfall, ein anderes dem Dichterpaar Sylvia Plath und Ted Hughes. Und nun hat sie sich wiederum ein legendäres Paar vorgenommen: Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Es ist ein schmales Buch geworden, lediglich ein biografischer Essay, in dem jedoch mehr steckt als in manchem Wälzer.
Wie das Reisen uns verändert
Sieglinde Geisel: Irrfahrer und Weltenbummler. Wie das Reisen uns verändert. wjs. 247 S., Fr. 34.90
In Bulgarien ist es auf dem Land noch heute üblich, Reisenden ein Sträusschen des intensiv duftenden Storchenschnabels mit auf den Weg zu geben. Das bringe Glück, verriet mir ein in Berlin wohnhafter bulgarischer Freund und drückte mir ein paar der rosarot blühenden Stängel in die Hand. Daran dachte ich, als ich in Sieglinde Geisels kluger Mentalitätsgeschichte des Reisens über andere Reisebräuche las: „Für eine sichere Reise sollte man einen Kamm in die Tasche stecken, er wehrt bösen Zauber ab. Auch geweihtes Salz, in die Stiefel oder auf ein Stückchen Brot gestreut, bringt Reiseglück.“ Die Geschichte vom bulgarischen Glücksbringer war nur eine von vielen Assoziationen, welche die Lektüre des Buches „Irrfahrer und Weltenbummler“ bei mir geweckt hatte. Auf ihrem Streifzug durch die Geschichte der Mobilität stösst einen die NZZ-Journalistin in Berlin immer wieder auf Erinnerungen an vergangene Reisen oder lässt einen von bevorstehenden Ausflügen träumen. Was will eine Autorin mehr, als beim Leser und der Leserin eigene Gedanken zu evozieren?
Altersmilder Sennett
Richard Sennett: Handwerk. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Berlin Verlag. Berlin 2008. 430 S. Fr. 39.90.
Von Ina Boesch
Ende der zwanziger Jahre baute Ludwig Wittgenstein ein Haus für seine
Schwester. Obwohl selbst kein Architekt, wollte der vermögende Philosoph
etwas Exemplarisches, Vollkommenes errichten. Anfänglich stolz auf seine
Arbeit, wurde er später zu ihrem schärfsten Kritiker: Der Wunsch
nach idealer Vollkommenheit habe das Haus „krank“ gemacht. Etwa
zur selben Zeit entwarf der Architekt Adolf Loos das Haus Moller, wobei Geldmangel
und Hindernisse beim Bauen ihn zwangen, Fehler schöpferisch in sein Werk
zu integrieren. Kritiker sind sich einig: Mit dem Haus gelang Loos die perfekte
Demonstration seines „Raumplans“. Der Soziologe und Kulturphilosoph
Richard Sennett hat beide Häuser in Wien besucht und erzählt ihre
Geschichte in seinem neuesten Buch, das den schlichten Titel „Handwerk“
trägt.
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Mit Postern, Boykotten und Logos gegen die Sklaverei
Adam Hochschild: Sprengt die Ketten. Der entscheidende Kampf um die Abschaffung der Sklaverei. Aus dem amerikanischen Englisch von Ute Spengler. Klett-Cotta. Stuttgart 2007. 504 Seiten. 49 Fr.
Von Ina Boesch
In der Westminster Abbey steht die Statue eines schmächtigen Mannes,
der berühmt war für seine melodiöse Stimme und heute bekannt
ist als einer der grossen Kämpfer gegen den britischen Sklavenhandel:
William Wilberforce. Lange stand die Figur des vermögenden und konservativen
Unterhausabgeordneten allein da, bis man vor 10 Jahren Gerechtigkeit schuf:
Zu Füssen des Politikers erinnert ein Gedenkstein an einen Mann, der
viele seiner Zeitgenossen nicht nur körperlich, sondern auch geistig
überragte: Thomas Clarkson. Der ehemalige Geistliche machte mit einem
Essay zur Sklaverei den Politiker Wilberforce zum Abolitionisten und zu seinem
überzeugten Mitstreiter. Während Jahrzehnten bildeten die beiden
auf ihrem „Kreuzzug“ gegen den Sklavenhandel ein erfolgreiches
Gespann, das auf den Part des Anderen angewiesen war: Es brauchte sowohl Wilberforce,
der im Parlament lobbyierte und stundenlange Reden hielt, als auch Clarkson,
der auf seinem Pferd Tausende von Kilometern ritt und die Bevölkerung
zur Unterzeichnung von Petitionen oder den Boykott von Zucker animierte, um
innerhalb von nur zwanzig Jahren im März 1807 die Abschaffung des britischen
Sklavenhandels zu bewirken.
Nun erweist der amerikanische Autor und Journalist Adam Hochschild, bekannt
geworden mit seinem ähnlich gestrickten Sachbuch „Schatten über
dem Kongo“, dem spät wertgeschätzten Clarkson die ihm gebührende
Ehre und stellt ihn ins Zentrum seiner mitreissend erzählten Geschichte
über den „entscheidenden Kampf um die Abschaffung der Sklaverei“.
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