Grenzfaelle von Ina Boesch

Ina Boesch

Grenzfälle. Von Flucht und Hilfe, fünf Geschichten aus Europa

Limmat Verlag, Zürich 2008.
275 Seiten, mit Fotografien und Karten
38 Fr.

„Grenzfälle“ geht anhand von fünf exemplarischen Lebensgeschichten dem Bedeutungswandel von Fluchthilfe und Fluchthelfern in den letzten siebzig Jahren nach, von den 1930er Jahren bis heute. Ina Boesch fragt nach den Beweggründen, die nicht kommerziell orientierte Fluchthelferinnen und Fluchthelfer zu ihren riskanten illegalen Aktionen verleitet, und nach der Zivilcourage. Indem sie die Figur des Fluchthelfers aktuell wie historisch betrachtet und den Blick auf ganz Europa wagt, weitet sie die gegenwärtige Diskussion um das hochaktuelle Thema Migration aus. Sie hat ausführliche Gespräche geführt sowie die Schauplätze in Tschechien, Deutschland, der Schweiz und Spanien besucht und verbindet Menschen und Orte auf überraschende Weise.


„Die Schweizer Ethnologin und Historikerin leistet zur Problematik europäischer Asylpolitik einen überraschenden Beitrag.“ Der Tagesspiegel, Berlin

„Die Geschichten verschlingt man wie einen spannenden Roman.“ St. Galler Tagblatt

„Wie ein Agentenroman von John le Carré.“ Tages-Anzeiger

„Ein seltenes Zeitdokument.“ Neue Zürcher Zeitung

„Sorgfältig recherchiert und gut geschrieben.“ NZZ am Sonntag

„Ina Boesch kann nicht nur anschaulich und spannend, sondern auch analytisch schreiben.“Neue Wege

„Eine aussergewöhnliche Erzählkunst.“ H-Soz-u-Kult



Auszug:

Unten durch

Die Nachtgänge von Artur Radvansky in Ostrava (Mährisch-Ostrau), Tschechoslowakei (1939)

Der Vater zündet sich vorsichtig eine Zigarette an, das Gesicht im Schatten des hochgeschlagenen Mantelkragens, das aufflackernde Zündholz sollte ihn nicht verraten, und saugt heftig einmal, zweimal, dreimal am Stängel, so dass, Artur sieht es deutlich, die Glut pulsiert. Sie warten unter den Birken. Über ihnen der sternenlose Himmel. Der Vater zieht den Rauch nochmals tief ein. Sie horchen in die Nacht hinaus. Nach einer Weile stürzt krachend ein Kippkarren die Halde herunter, überschlägt sich ein paar Mal und bleibt einige Meter vor ihnen liegen. Die Arbeiter haben offenbar das Zeichen gesehen. Artur hat diese nächtlichen Szenen schon öfters beobachtet, die huschenden Gestalten oben am Hang, das schwere Ungetüm, das geräuschvoll aufschlägt. Ein paar Schritte, sie verlassen den schützenden Wald, und schon sind sie beim Karren. Hastig ziehen sie eine blaue Arbeitshose über, eine Jacke, setzen den Helm auf – das Bündel Kleider samt Kopfschutz hat unter Steinen verborgen am Rand der Halde gelegen – und warten auf die Arbeiter, die das Geröll herunterrennen, sieben, acht, neun Männer, einige tragen dicke Holzpfähle. Mit vereinten Kräften drücken und ziehen sie am umgekippten Wagen, bis er auf den Rädern steht, geschickt schieben sie die Pfähle unter dem Karren hindurch, stellen sich je vier, fünf Mann, unter ihnen Artur und der Vater, links und rechts vom Wagen hin, packen das Holz und, ruck, heben sie die schwere Last. Langsam und stumm gehen sie auf einem kleinen Weg, der sich den Steinberg hinaufwindet, die Halde hoch, und endlich, der Wagen wird schwerer und schwerer, erreichen sie den Gipfel. Jemand drückt ihm einen Pickel in die Hand, Artur und der Vater schlagen den Kragen der Arbeitsjacke hoch, ziehen den Helm fest über den Kopf und treten mit einigen Arbeitern in den Lift. Runter geht’s, immer tiefer. […]


Schlagzeilen:

„Die Schweizer Ethnologin und Historikerin leistet zur Problematik europäischer Asylpolitik einen überraschenden Beitrag: In einer eigensinnigen Mischung aus Reportage und Interview porträtiert sie Menschen, die sich als Fluchthelfer einsetzen. Sie will wissen, warum sie das tun. Die naiv klingende Frage „Warum haben Sie sich als Fluchthelfer betätigt?“ lässt sie nicht los, seit ihr die Mutter mit wegwerfender Geste erzählte: „Ach, das war nichts“, „zu wenige ... man hätte viel mehr Juden aufnehmen müssen“. Warum also gibt es Menschen, für die es selbstverständlich ist, zu helfen, während so viele andere die Grenze der Gleichgültigkeit nicht überschreiten?“ Angelika Brauer, Der Tagesspiegel, Berlin

„Das Buch „Grenzfälle“ macht auch seinen Leserinnen und Lesern Mut ? doch ist es alles andere als ein gefühliger Appell an Gutmenschen. Ina Boesch stellt sich sehr realistische Fragen zur Legitimität von illegalen Taten und sucht nach Antworten. Doch ihre abschliessenden Überlegungen stellt sie unzweideutig unter die Prämisse von Navid Kermani: „Ein Flüchtling, der ertrinkt, ist ein Flüchtling, der ertrinkt.“ Eva Bachmann, St. Galler Tagblatt.

„Die Geschichte von Dieter Thieme und Detlef Girrmann liest sich wie ein Agentenroman von John le Carré.“
„Faszinierend zu lesen sind die Interviews mit den Fluchthelfern, die Schilderungen der historischen Umstände – und vor allem die Berichte über gelungene oder gescheiterte Grenzübertritte, die sich am Meer, in der Grossstadt oder einem Jura-Wald abspielen.“ Daniel Foppa im Tages-Anzeiger

„Der psychologische Blick macht den Reiz des Bandes aus. So resümiert Boesch beispielsweise überraschend, doch überzeugend, dass als Motiv weniger politische Überzeugungen und humanitäre Ideale denn schlicht und einfach Ergriffenheit wirkte, die der schieren Unmittelbarkeit des Leidens entspringe.“
„Die Schilderungen sind dort am stärksten, wo man sich gemeinsam mit Flüchtlingen und Fluchthelfern in verschneiten Wäldern, muffigen Tunnels und dunklen Hinterzimmern wähnt und hofft, heil über die Grenze zu kommen.“ Barbara Bleisch in der Neuen Zürcher Zeitung

„Früher hätte man gesagt: Dieses Buch wird ein Klassiker und ist ein Muss für alle SozialarbeiterInnen. Heute vergeht alles rasend rasch, und man kann höchstens sagen: Hier wurde ein Denkmal gesetzt. In anderen Ländern würden diese Fallstudien zu Referenzen neu zu schaffenden Rechts.“ Al Imfeld in „Neue Wege “

„Ina Boesch hat ein engagiertes, klar konzipiertes und hoch informatives Buch geschrieben, das den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart spannt.“ Peter Heumos in H-Soz-u-Kult

„Sorgfältig recherchiert und gut geschrieben.“ NZZ am Sonntag

„Im vorliegenden Buch werden uns ein paar mutige, uneigennützige Menschen vorgestellt, stellvertretend für viele andere anonyme HelferInnen: Zeitgenossinnen, die sich nicht ärgern, wenn sie von der schweigenden Mehrheit als ‚Gutmenschen’ belächelt werden.“ WoZ


PDF FileInhaltsverzeichnis „Grenzfälle“


PDF FileDetaillierte Quellenangaben zum Schlusskapitel von „Grenzfälle“


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Gegenleben von Ina Boesch

Ina Boesch

Gegenleben. Margarethe Hardegger (1882–1963) und ihre politischen Bühnen

Margarethe Hardegger (1882–1963) verkörperte die sozialen und politischen Ideale, die man heute links nennt. Sie lebte den Sozialismus hier und jetzt. Sie predigte und praktizierte die freie Liebe. Sie stand mit der Münchner Boheme und Berliner Anarchistenszene in Kontakt. Sie engagierte sich gegen den Faschismus und kämpfte für den Frieden. Sie lebte viele Jahrzehnte im Tessin im Schatten des Monte Verità und war international vernetzt. Sie hielt zu ihren Freunden und sass deswegen im Gefängnis. Zudem war sie die erste Arbeiterinnensekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Geliebte der anarchistischen Schriftsteller Gustav Landauer und Erich Mühsam. Freundin des Arbeiterarztes Fritz Brupbacher sowie der Chemikerin und Pazifistin Gertrud Woker.
In Margarethe Hardeggers Gegenleben treffen verschiedene Lebensentwürfe ihrer Zeit aufeinander: In ihr kristallisieren sich sozialistische, lebensreformerische und friedenspolitische Konzepte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Augenmerk gilt darum ihrer Biografie und eben diesen Entwürfen, ihrer Lebensgeschichte sowie den Organisationen, in denen sie aktiv war.


Pressestimmen:

„Nah an den Menschen herangehend und mit den Methoden einer empathischen Spurensicherung hat Ina Boesch die Lebens- und Interessenweg dieser eigenwilligen Frau zusammengetragen. Sollte man sie eine Sozialistin nennen? Eine frühe Apologetin der freien Liebe? Eine Anarchistin? Eine Idealistin? Gar, mit biblischem Unterton, eine Menschenfischerin? - Ina Boesch ist mit bestrickender Energie dem unkonventionellen Schicksal dieser Nonkonformistin gefolgt. Die einfühlsam geschriebene Biografie blättert vor den Augen des Lesers zudem ein reichhaltiges Kapitel der jüngeren Schweizer Sozialgeschichte auf.“ NZZ

„Es ist eine Lebensgeschichte voller Verwicklungen und Turbulenzen, wie sie kein Romanschriftsteller zu erfinden wagte. Ina Boesch erzählt sie spannend und mit viel Geschick.“ Daniel Suter im Tages-Anzeiger

„Ein lebendiges Lesebuch für Linke.“ Hans Steiger im PS


PDF FileInhaltsverzeichnis


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Ina Boesch

Radio und Fernsehen in der Schweiz (Bd. III)


Geschichte der Schweizerischen Radio– und Fernsehgesellschaft SRG 1983-2011
Hg. Theo Mäusli, Andreas Steigmeier, François Vallotton. Verlag hier & jetzt, Baden 2012
Darin unter anderem das Kapitel von Ina Boesch und Ruth Hungerbühler: „Anspruchsvoll und massentauglich: der Spagat der SRG in der Kultur“